Skihochtouren im Gran Paradiso und um den Grand Combin

Es war in der Karwoche 2003, Vollmond stand bevor, ein gutes Wetterzeichen für Hochtouren in den Westalpen, so hatte ich es die letzten Jahre beobachtet. Es sollte auch dieses mal wieder zutreffen. Der Wetterdienst aus Innsbruck und Zürich sagten gutes Wetter voraus. Voller Spannung auf eine großartige Skitour durch die Dauphine, dem sog. Karakorum der Alpen , machten sich Michael Kerle, Resi Koch, Manfred Steinbeißer, Sepp Kaiser, Robert Hanisch, Gregor Riesemann und Heinrich Riesemann als Tourenleiter am Freitag morgen um 4 Uhr mit einem Vereinsbus auf den Weg. Der Weg führte über Bern nach Genf, Grenoble, La Grave, hinauf zum Col du Lautaret, hinunter in die südlich anmutende Stadt Briancon und dann hinein in das enge Tal nach Ailefroide. Wir waren nur noch eine halbe Autostunde von der Traunsteiner Partnerstadt Gap und 1 ½ Stunden vom Mittelmeer entfernt. Die Berge waren bis 900 m herunter tief verschneit. Das sollte für uns ein Problem werden. Angekommen in der engen Talzufahrt, standen wir vor einer versperrten Schranke. Ein einheimischer Bergführer machte uns deutlich, dass es oben auf der Ref. du Glacier Blanc, der Ausgangshütte zur Barre Des Ecrins, über einen halben Meter Neuschnee gegeben hat und für die nächsten Tage Lawinenstufe 4-5 herrscht. Nach 1000 km Anfahrt eine herbe Ernüchterung. Mit Turnschuhen machten wir uns noch auf den Weg, um den vielen Schnee zu verspüren. Selbst ging ich in knietiefem, nassen Frühjahrsschnee noch durch lichten Lärchenwald in das wunderschöne, einsame Tal nach Ailefroide. Das Wasser lief mir aus den Schuhen, aber das war ja nichts Schlimmes. So nisteten wir uns in einem kleinen Hotel ein und genossen statt einem kargen Bergsteigeressen ein feines französisches Menü . Nachts schneite es nochmals, so dass wir am nächsten Morgen schweren Herzens beschlossen, uns ein anderes Tourenziel zu suchen. Über den Montgenevre-Pass ging es vorbei an Turin nach Aosta und von dort ins Val di Cogne. Auf der langen Autobahnstrecke fühlten wir uns durch ständige Zahlstellen beraubt wie früher Fuhrwerke durch Wegelagerer. Mit schwerem Rucksack, bepackt mit Skier, Steigeisen und Pickel ging es einen steilen Pfad hinauf zur Sellahütte. So war bei schönem Frühlingswetter der Frust bald verflogen. Wir hatten wieder Schnee um uns und mehrere Skiberge allerfeinster Sorte mit über 3500 m Höhe. Auf der schön gelegenen Sellahütte wurden wir bestens verpflegt, doch nächtigen konnten wir nur noch im Winterraum. Dieser war zwar schön, aber saukalt.

Am Sonntag nahmen wir den ersten Gipfel ins Visier. Die Route führte über mäßig steile Hänge, dann ein steiler Anstieg zum Gletschergrund und schon standen wir in der strahlenden Morgensonne. Vor uns noch ein schöner Gletscheraufstieg, dann über den steilen Blockgrat zu Fuß zum Gipfel. Dass es sich um den 3552 m hohen Grand Serra handelte, stellten wir erst nach längerer Standortbestimmung fest. Ein Aussichtsberg allererster Güte. Im Nordosten das ganze Monte-Rosa-Gebiet, im Nordwesten der Mont Blanc und im Süden bzw. Westen der Gran Paradiso und die mächtige Grivola. Eine schöne Abfahrt vom Pulverschnee bis zum Plattenpulver forderte das ganze skifahrerische Können. Ein Dreieinhalbtausender an einem Tag ist zu wenig, so bestiegen wir noch den steilen 3400 m hohen Inferno. Nach 8 Std. Gehzeit war der Tag ausgefüllt. Das feine Menü am Abend auf der Sellahütte hatten wir uns redlich verdient.

Vor Sonnenaufgang brachen wir am Montag auf, um die fast 3700 m hohe Punta Rossa zu besteigen. Wir hatten keine Tourenkarte von diesem Gebiet und so geschah es, dass wir nach dem Durchstieg eines sehr steilen Kares auf dem 3500 m hoch gelegenen Col de Nero standen. Zuerst glaubte ich, der Höhenmesser war so stark gefallen, waren wir doch irrtümlich um 200 m zu hoch. Es war nur der andere Berg. Das war weiters nicht schlimm, gingen wir eben eine Stunde um die Punta Rossa herum, um sie dann von Norden her zu besteigen. Nun standen uns 2000 Höhenmeter Abfahrt nach Cogne bevor. Firnhänge vom Feinsten, einfach toll. Plötzlich, metertiefer Pulver und schon gings mit einem 360 Grad Salto nach vorne mit vollem Rucksack talwärts. Mühsamst alle Utensilien wieder geordnet, konnte ich die Skiabfahrt fortsetzen. Wir folgten einigen Skispuren in der Hoffnung, diese werden uns auf gutem Weg ins Tal bringen. Noch fast 700 Hm über dem Tal führten uns die Spuren nach einem kurzen Aufstieg in eine Canyon-Skiabfahrt erster Klasse. Wir wurden sicher zu den Pionieren einer neuen Fun-Sportart. Gott sei Dank kamen alle heil im Tal an, sicher für alle eine unvergessliche Abfahrt.

Nun mussten wir entscheiden, nochmals 4 Autostunden zurück in die Dauphine zu fahren oder ein Alternativgebiet zu suchen. Wir entschieden uns für das Gebiet um den Gran Combin. In Aosta fanden wir nach langem Suchen eine Kompasskarte, selbst kannte ich mit Resi, Michael und Robert das Gebiet aus einer Skitour im Jahre 1998. Durch den St. Bernhard–Tunnel fuhren wir nach Bourg St. Pierre. Dieser verträumte kleine Ort ist für viele Haute Route Geher die erste Haltestation. Wir beendeten auch dort unseren anstrengenden Tag mit einem vorzüglichen Menü.

Am Dienstag gings bei Sonnenaufgang ins Valsorey-Tal, zuerst mit den Skiern auf dem Rucksack, dann auf hart gefrorenem Schnee in den herrlichen Talkessel zwischen Gran Combin und Mt Velan. Zuerst nur mit dem Ziel, auf die Velan-Hütte und auf den Pt. Velan aufzusteigen, änderten wir unseren Plan um einen Höhepunkt der Tour anzugehen, den Übergang über das 3600 m hohe Col du Meitin und der Abfahrt zur 2600 m hoch gelegenen Panossier Hütte. Der nur von wenigen  Skibergsteigern begangene Übergang kann nur bei sichersten Verhältnissen benutzt werden. Auf der 3000 m hoch gelegenen Valsorey-Hütte tankten die Kameraden noch Kräfte um die letzten 600 Höhenmeter des durchschnittlich 40 Grad und bis zu 50 Grad steile Gelände zu durchsteigen. Ich ging bereits voraus um die Lawinengefahr auszuloten. Nach insgesamt 6 Stunden Aufstieg waren alle glücklich auf dem Col. Eine grandiose Aussicht entschädigte unsere Mühe. Nach einer kräftigen Brotzeit ging es etwa 8 km auf dem flachen Gletscher hinunter zur Cab du Panossiere. Die Hütte liegt am Rande der Moräne des Glacier de Corbassiere und wurde nach der Zerstörung Ende der 90er Jahre wieder neu aufgebaut. Die Hütte ist vorbildlich geführt, fast zu perfekt, vor allem, wenn man keine Schweizer Franken bei sich führt. Selbst unser großer Bedarf an Hopfengetränk konnte die Perfektion des besonnenen Hüttenwirtes nicht verändern.

Am Mittwoch war bei Kaiserwetter der 3672 m hohe Pit Combin unser Ziel. Ein leicht zu erreichender Skigipfel mit einer großartigen Abfahrt über den Follats-Gletscher. Als ich mit Manfred und Sepp das etwa 10 m breite und ca. 40 Grad steile Gletscherband hinunterfuhr mit etwas Butter in den Knien, war die Begeisterung nicht zu beschreiben. Ein Traum eines jeden Skibergsteigers. Da schmeckte das reichhaltige Menü auf der Hütte noch besser und der in der Abendsonne glühende Gran Combin wird ein unvergessliches Erlebnis bleiben.

Es war schon Donnerstag und wie alle Tage wieder Sonnenaufgang bei wolkenlosem Himmel. Heute stand der 3707 m hohe Tournelon-Blanc auf dem Programm , nach der Abfahrt der Aufstieg auf das Col du Meitin , die 1300 Hm Abfahrt ins Valsoreytal und dann nochmals 300 Hm Aufstieg auf die 2600 m hoch gelegene Velan-Hütte. Der anstrengenste Tag der ganzen Tour. Insgesamt 2000 Hm Aufstieg und 2100 Hm Abfahrt. So kräfteraubend der Aufstieg auf das Col du Meitin am Dienstag bereits war, so zehrte der Zustieg an diesem Tage auf das Col bei gleissender Mittagssonne gewaltig an unseren Kräften. Wir mussten spätestens am frühen Nachmittag auf dem Col sein, ansonsten wäre die Abfahrt in dem sehr steilen Westhang bei zu tief aufgeweichtem Schnee zu einer gefährlichen Unternehmung geworden. Es ging alles gut und wir waren froh, auf der gemütlichen Valsorey-Hütte eine kurze Einkehr machen zu können. Die weitere Abfahrt und der Aufstieg zur Velan-Hütte waren ein Genuß.

Erstmals Wolken am Abend deuteten einen Wetterumschwung an. Doch am Freitag Morgen erwartete uns wieder wolkenloser Himmel. Der 3734 m hohe Mt. Velan war unser letztes Ziel. Ein Skiberg aller erster Klasse. Lediglich ein Übergang bereitet etwas Schwierigkeiten und kann bei hart gefrorenem Schnee recht heikel sein. Mit Pickel und Steigeisen schafften wir den Übergang mühelos. Trotz einer schon anstrengenden Woche zogen wir an anderen Seilschaften Mitleid bekundend vorbei. Nach vier Stunden Aufstieg waren wir auf dem Gipfel des herrlichen Aussichtsberges. Manfreds Worte „jeder Tag ein neues großartiges Erlebnis“ hatten seine Berechtigung. Dies war auch die 1600 Hm lange Abfahrt, wenn auch Michael sie mit einem „Salto mortale“ auf seine Art noch einprägsamer gestaltete.

Eine wilde Talabfahrt auf den letzten Schneeresten ließ uns nicht mehr erschrecken, hatten wir dies am Montag bereits bestens geübt.

Unverletzt, braun gebrannt und ein paar Zentimeter zusammengedrückt von dem schweren Rucksack kamen wir am Freitag Nachmittag zu unserem Ausgangspunkt zurück. Sepp hatte extra ein paar Flaschen Rotwein warm gestellt. Sie waren ein Genuss. Die Heimfahrt durch die herrlich blühende Frühlingslandschaft am Genfer See und dann durch das Berner Oberland rundeten die schöne Skitourenwoche ab, die jedem auf seine Art in Erinnerung bleiben wird.

Heini Riesemann, Taching

Hier ein kleiner Bilderbogen von der Tourenwoche, alle Aufnahmen von Sepp Kaiser, Trostberg

Im Aufstieg zum Grand Serra, 3552 m Unterhalb der Gipfelfelsen des Grand Serra
Am Aufstieg zur Valsorey Grand Velan vom Col de Meytin aus, 3605 m
Vor der Panassoirhütte Gipfelrast auf dem Petit Combin, 3672 m
Die saubere, neue Panassoirhütte Petit Combin, von der Pannassourhütte aus
Grand Combin in der Abendsonne Bereits bei der Abfahrt vom Grand Velan
Jetzt werden die Ski gewaschen Wir packen vor der Heimfahrt
 

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aktualisiert: 10.12.04 A.H.

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