„Auf Königs Spuren“
Bergradltour von Bergen nach Füssen

Es ist ein strahlender Sommertag. Wir – das sind Rosi, Gunda, Doris, Hilde, Hans, Bernhard, Hubert, Michael, Herbert, Albert und ich als Guide – treffen uns am Mittwoch morgen in Bergen und sind alle voller Erwartung, mit etwas Krippeln im Bauch , was uns wohl die nächsten fünf Tage erwartet. Nach der Tourenbesprechung sind in den kommenden Tagen über 8000 Hm und ca. 300 km Wegstrecke zu bewältigen. Die Vorgabe war eine Bergradltour im alpinen Stil, längs durch die Alpen mit eigener Kraft ohne bequeme Fahrdienste und fremde Hilfe. Übernachten wollen wir auf Berghütten und geradelt wird bei jedem Wetter. Da wurde schon Adrenalin bei der Besprechung frei, galt es doch, sich auf entsprechende Anforderungen vorzubereiten. Tagesetappen waren angekündigt zwischen 1700 und 2400 Hm bei bis zu 80 km Wegstrecke. Die Rucksäcke wurden entsprechend gepackt. Alles dabei zu haben und höchsten 7 kg auf dem Rücken, das ist nicht einfach. Mit Übung und List haben wir auch das hinbekommen, natürlich ohne feine Ausgehkleidung.

1. Tag

Die schönen Chiemgauer Berge einmal ganz anders erleben.

Noch ist es kühl als wir entlang der Weißen Ache radeln , aber ganz anders , als wir den steilen Anstieg hinauf nach Eschlmoos überwinden, wo uns blühende Almwiesen empfangen. Der Blick in die Loferer Steinberge ist noch winterlich. Nur eine kurze Pause, dann hinauf zur Jochbergalm wo wir den Ausblick in die Chiemgauer Berge und ins Achental genießen. Dann 700 Hm Abfahrt nach Marquartstein.

Vor einer Woche konnte ich auf dieser Wegstrecke einen prächtigen Auerhahn erleben, der mich wohl mit einem Artgenossen verwechselte und mich mit drohendem Gebalze in die Flucht schlug. Für Hilde wird die Abfahrt vom Traum zum Trauma. Plattfuß. Das Ventil ist aus dem Schlauch gerissen. Dank Hilfe der geübten Männer ist der Schaden bald behoben. Doch nach ein paar Kilometer das gleiche Übel. Wir hatten ja alle Ersatzschläuche.

Kurze Schiebestrecke vor der Jochbergalm

Rast unterhalb der Gedererwand

Rosi macht auf der steilen Straße mit dem Schotter Bekanntschaft. Es geht noch glimpflich ab. In Marquartstein besorgen wir ein halbes Duzend neue Schläuche mit Mengenrabatt – wer weis was noch alles kommt – und in der Apotheke gibt es noch eine Tüte voll Talkum gratis für die Schläuche, damit sie nicht auf dem Mantel haften.   Unsere Ausrüstung wieder vervollständigt geht es mit einem Wadlbeißer hinauf zur Staffnalm. Wir haben einen mächtigen Hunger. Gestärkt mit Spiegeleier und Speck radeln wir um den Staffn mit einem einmaligen Blick zum Chiemsee. Es geht mehrmals auf und ab, vorbei an der Maisnalm. Am Fuße der Kampenwand am Feldkreuz erholen wir uns von den Strapazen. Doch wir haben noch einen langen Weg. Eine steile Abfahrt führt uns hinunter nach Aschau. Diesmal ohne Plattfuß. Es ist schon später Nachmittag. Ein Schinder hinauf zur Hochalm. Mit Aussicht auf guten Kaffee bewältigen wir auch dies. Eine selten gemütliche Alm. Der urige Senn hilft mir, das vermeintlich entwendete Pedal durch ein altes Motorradpedal zu ersetzen. Alle Gäste sind verwundert. Wir müssen noch weiter bis zur Riesenhütte. Ich hatte die letzte Wegstrecke unterschätzt. Sie zehrt noch die letzten Kalorien aus den Muskeln. Endlich haben wir die erste Etappe  geschafft.  2300 Hm und über 50 km Wegstrecke. Wir machen uns noch mit Rad und zu Fuß auf die Hochries und genießen den herrlichen Ausblick in der Abendsonne. Ein kühles Weißbier in der gemütlichen Hütte haben wir uns redlich verdient.

Vor der Riesenhütte

Hochries-Gipfel

2. Tag

Von der Riesenhütte zur Erzherzog-Johann-Klause.

Der Morgen ist kühl, aber sonnig. Nach einem kräftigen Hüttenfrühstück  starten wir bestens gelaunt zu einer schwierigen Tagesetappe. Ein schmaler Pfad unterhalb dem Hochriesgipfel fordert das ganze Radlergeschick. Mit schieben geht es nicht langsamer. Auf der Seitenalm empfangen uns verwundert die Kühe und machen nur unwillig den Karrenweg zum Feichtenecksattel frei. Ein sehr schöner Almweg entlang des Bergkammes führt uns zu einer Weggabelung mit drei Möglichkeiten. Wir wählen die falsche. Mit zusätzlich 300 Hm Aufstieg werden wir für den Verhauer belohnt. Was ist schon eine Stunde mehr bei einer Tagesetappe von ohnehin 10 Stunden. Aber nach einigem suchen finden wir die reizvolle Abfahrt hinunter nach Nussdorf am Inn. Hilde und Herbert verschönern die Abfahrt mit einem Plattfuß. In Brannenburg ist die Straße mit Altären geschmückt für den Fronleichnamsumzug. Hilde versorgen wir mit einem anderen Fahrradmantel, den uns ein liebenswerter Artgenosse aus Brannenburg schenkt. Es ist schon später Vormittag und wir sind noch nicht weit vorangekommen. Leichte Nervosität macht sich breit, haben wir noch zwei schwere Anstiege vor uns. Zuerst auf dem Fußweg Richtung Mitteralm am Wendelstein, dann eine kräfteraubende Schiebestrecke hinauf zur Arzmoosalm. Unsere starken Männer greifen den Damen unter die Räder und helfen die schwierige Wegstrecke zu überwinden. Ohne Herbert seinem vorzüglichen Kuchen hätten wir das wohl nicht mehr geschafft.

Nähe Sudelfeld

nasse Füße kurz vor dem Elendsattel

Plötzlich öffnet sich vor uns eine herrliche Almlandschaft. Vor uns das Sudelfeld mit dem bekannten Tatzlwurm. Die Motorräder brummen an uns mitleidsvoll vorbei, als wir die letzten Meter zum Pass hinauf trampeln. Doch dann die Serpentinen hinunter nach Bayrischzell. Mein Tacho zeigt 75 km/h an. Wir sind schon ausgebrannt. Im Biergarten unter Kastanienbäumen bei der Kirche in Bayrischzell werden wir vorzüglich bewirtet. Wir haben noch einen langen Weg. Die Beine sind nach der reichlichen Mahlzeit schwer. Wir verlassen den Ort Richtung Kloaschauer Tal. Es geht nochmals 350 Hm hinauf zum Elendsattel auf einer schönen Forststraße, dann hinunter Richtung Valepp. Vor uns eine herrliche Berglandschaft mit dem markanten  Schinder. Hoch über der Valeppschlucht machen wir noch eine Trinkpause. Dann wollen wir endlich unser Tagesziel, die Erzherzog-Johann–Klause erreichen. Bernhard hat zwischenzeitlich noch etwas für die Pannenstatistik geleistet. Ein aufgeplatzter Mantel war mal etwas anders. Endlich, tief im Bergeinschnitt der Valepp führt uns der Weg über eine Klause, dann noch kurz hinauf und wir sind vor der geschichtsträchtigen Berggaststätte. Es ist schon fast 19 Uhr. Endlich eine wohl verdientes Bier.

Brücke über der Valepp

Abfahrt Nähe Gufferthütte

3. Tag

Von der Erz-Herzog-Johann Klause zur Plumsjochhütte.

Eine etwas kürzere Tagesetappe ist angesagt. Es ist ja der verflixte dritte Tag. Wir radeln nach einem edlen Frühstück ein Stück hinunter entlang der wildromantischen Valepp, dann biegen wir nach Westen ab und von nun an geht es auf einer schönen Forststraße mäßig steil bergauf. Links sehen wir schon die Guffert Spitze, rechts den Schinder. Nach zwei Stunden sind wir an der Gufferthütte auf etwa 1460 m. Ein prächtige Blumenwiese. Das muß man genießen für eine Teepause. Im Westen macht sich schon ein Wolkenaufzug sichtbar. Noch ist Sonnenschein. Es steht uns 10 km Abfahrt entlang dem Filzmoos Bach bevor. Hoffentlich nicht wieder eine Panne denkt sich Hilde. Es wäre ein herrlicher Weg. Links der Wildbach, teilweise in einer Schlucht, doch rechts trüben die durch den Herbststurm und Staublawinen verwüsteten Hänge meine gute Laune. Eine Naturzerstörung, die noch nach vielen Generationen sichtbar sein wird. Plötzlich sind wir im Achental. Wir haben bereits das ganze Rofangebirge durchquert. Endlich wieder mal Schaufenster und Geschäfte zum Einkaufen. Telefonhäuschen, um Sehnsüchte zu stillen. Herbert Originalton: Wenn wir so weitertrödeln, dann Übernachten wir heute im Freien. Wir finden uns wieder. Michael und Hilde gönnen ihrem Bike eine neue Sohle, hat doch die Leinwand schon Grüße ausrichten lassen.

Eine heftiger Nordwestwind treibt uns entlang des Achensees. Ein Genuß, aber zurück nach Pertisau müssen wir es büßen. Es heißt tief Luft holen und noch eine kräftige Stärkung einnehmen in der Pletzachalm. Wir sind schon in einem der berühmten Karwendeltäler. Vor uns 700 Hm steiler Anstieg  zur Plumsjoch Hütte auf 1630 m. Nur die ganz Ausgebrühten schaffen dies noch auf dem Bike, aber wir schieben. Schlecht für den, der viel Zeug auf seinem Rad verstaut hat. Schwarze Wolken nehmen uns die Sicht auf die Gipfel der steil abstürzenden Wände der östlichen Karwendelberge. Werden wir noch naß?

Alle schaffen den mühsamen Anstieg. Wir sind am  Plumssattel. Eine Wiese voller Enzian und Mehlprimel, dazwischen noch Schneereste, rechts von uns die Mondscheinspitze, links die Bettlerkarspitze, unter uns die Plumsjoch Hütte. Wir sind noch nicht voll ausgepauert. So als Beigabe noch ein Gipfel. Es wird jedoch noch eine im Laufschritt. Das ist auch notwendig. Noch nicht ganz in der Hütte, schon gießt es aus Kübeln und die Nacht bricht herein.  Die Hütte ist sehr rustikal. Ich schaue mir mal die Statik der Toilette auf dem Balkon an. Wäre doch peinlich, mit dem eigenen Saft abzustürzen.

Auffahrt zum Plumsjoch, 
unten die Gernalm

Ich gebe es auf. Der Kaninchenbraten ist vorzüglich. Ein 80-ig jähriger Harfenbauer erzählt mir, dass er jede Woche von Pertisau zu Fuß auf die Hütte geht und dabei erlebe ich, wie ihm auch noch gute Tropfen bekommen. Die Hütte wird, je länger der Abend, umso gemütlicher.
Ich falle halbtot ins Lager.

4. Tag

Von der Plumsjoch Hütte zur Seebenalm.

Es steht ein schwerer Tag bevor. Der Kopf und die Beine sind etwas ausgepowert.  Das schöne Wetter ist Vergangenheit. Die höheren Gipfel sind verschneit. Eine gewaltige Abfahrt hinunter in den Ahornboden wartet auf uns. Wir ziehen unsere warmen Klamotten aus dem Rucksack. Eine tolle Abfahrt. Ich unterschätze die Tiefe des Bergbaches, der über den Weg läuft. Bis ich aus den Klicks komme, habe ich schon einen vollen Schwall in den Schuhen getankt. Der Weg führt ein Stück hinaus nach Hinterriß, dann durch das Johannistal zum kleinen Ahornboden. Es geht stetig bergauf. Fast übersehen wir das Denkmal zu Ehren von Hermann von Barth. Der Weg wird steil und schottrig. Links von uns sehen wir die Falkenhütte, dahinter drohen aus der Wolkenwand die Abstürze der Laliderer Spitze. Nach

2  1/2 Stunden Aufstieg sind wir auf dem höchsten Punkt unserer Tour, dem Hochalmsattel mit 1803 m. Es sollte ein Höhepunkt sein, vom schönen Bergkreuz einen Blick ins Herz des Karwendelgebirges zu werfen. Doch nur kalter Nebel, Schneereste und verschlossene Blumen empfangen uns an diesem begehrten Übergang. Wir ziehen die Weiterfahrt zum Karwendelhaus vor. Der Wirt hat so schön eingeheizt, dass keiner mehr das Berghaus verlassen will. Vor uns aber noch die längste Abfahrt und der längste Aufstieg der Tour. 18 km Abfahrt durch das Karwendeltal nach Scharnitz. Ein Erlebnis, trotz Regen. Wir fahren gleich weiter entlang der Drahn, durch den Boden hinüber nach Leutasch. Michael meinte es auf dem Karwendelhaus mit dem Luftkompressor zu gut. Durch die Erwärmung vom Bremsen und dem Höhenunterschied bekam sein Fahrradmantel plötzlich ein bößes Geschwür.

Wir stärken uns nochmals in einem noblen Caffee, bevor wir das Karwendelgebirge ganz verlassen und uns  durch das lange Gaistal hinauf zur Seebenalm auf den Weg machen.

Eines der schönsten Täler unserer Tour, so können uns die Regenschauer nichts anhaben.
Der Igelsee ist auch bei Regen noch reizvoll, man muß nur richtig hinsehen.

Nach gut 3 Stunden Aufstieg sind wir auf der Seebenalm. Die Bauern diskutieren noch heftig über Ihre harte Tagesarbeit, die auch mächtig Durst gibt. Eine liebenswerte Wirtin empfängt uns und schaut, dass unsere nasse Kleidung trocknet. Wir haben fasst 1800 Hm Aufstieg und 80 km Radlstrecke heute hinter uns. Da können wir stolz sein und entsprechend feiern. Die Wirtin lässt sich nicht lumpen und spendiert eine Runde feinen Obstler.

5. Tag

Von der Seebenalm nach Füssen

Die ganze Nacht hat es geschüttet. Wir sind unbeeindruckt, verpacken uns regendicht und es geht hinunter nach Erwald. Herbert tritt mächtig in die Kette, was diese nicht dankt.

Dafür hat man Ersatzglieder, Abzieher und Zange dabei. Die sehr steile Teerstraße fordert mit einem Plattfuß ein weiteres Opfer. Auch das meistern wir. Von Erwald geht es entlang der Loisach bis Griesen, dann müssen wir hinüber vorbei an den drei Wassern zum Plansee. Uns empfängt ein gewaltiger Regenguß. Wir suchen einen Unterstand bevor es weiter geht zu den Gasthöfen Ammerwald. Hier betreten wir wieder bayerischen Boden.

Vor uns die letzte Schiebestrecke, ca. 400 Hm den Schützensteig zum Ursprung der Pöllat. Leider vor uns die letzte Abfahrt. Das Tal wird immer enger, bis sich rechts von uns ein mächtiger Tiefblick in die Pöllatschlucht öffnet. Noch eine Steilabfahrt auf der geteerten Forststraße, schon wartet auf uns die bekannte Berggaststätte Bleckenau.

Wir sind kurz vor dem Ziel, Schloß Neuschwanstein. Wir stärken uns nochmals. Ein letzter Anstieg. Plötzlich, wir sind mitten im Menschengetümmel. Vor uns der weltberühmte Blick von der Marienbrücke  auf das Schloß. Wir haben es geschafft. Glücklich und stolz nehmen wir voneinander Abschied in Hohenschwangau. Michael und ich radeln noch in meine Heimat nach Steingaden, strömender Regen begleitet uns. Das hält Michael nicht ab, am folgenden Tag die ganze Wegstrecke bis Siegsdorf nach Hause zu radeln. Die übrigen Radlfreunde entscheiden sich für die direkte Zugfahrt von Füssen nach Traunstein.

Bericht: Heini Riesemann
Fotos: Hubert Hauber

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aktualisiert: 10.12.04 A.H.

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